Alemagna, Beatrice: Im Land der Flöhe

imlandderflöheHinten im Garten liegt eine alte, zerschlissene Matratze. Das ist das Land der Flöhe.“ In diesem Land leben die Flöhe alle getrennt voneinander und sehen sich daher nie. Der kleine dicke Floh lädt alle zu seinem Geburtstag ein, wo sie sich zum ersten Mal begegnen. Als er die Tür öffnet und sie alle vor ihm stehen, ist die Überraschung groß: Alle Flöhe sehen ganz unterschiedlich aus. Der kleine dicke Floh dachte immer, alle Flöhe sähen so aus wie er und die anderen wundern sich ebenso. Sie stellen fest, dass sie alle schon immer so aussahen und es sich nicht ausgesucht haben und dass sie ja doch nichts daran ändern können. „Wir werden so geboren wie wir sind, und jeder von uns ist anders.“ Floh ääh froh über diese Erkenntnis, tanzen und feiern die Flöhe ausgelassen den Geburtstag des kleinen dicken Flohs.

Beatrice Alemagna ist mit „Im Land der Flöhe“ ein in vielerlei Hinsicht besonderes Bilderbuch gelungen. Die gefilzten Flöhe sind ganz individuelle und sympathische Charaktere, die zu einer wunderbar simplen und klugen Moral kommen: Wir sind, wie wir sind und kommen alle mit unterschiedlichem Aussehen auf die Welt, ohne dass wir uns dazu entschieden hätten. Geht man tiefer in diese Thematik ein, liegt der Folgeschluss nahe, dass die Flöhe erkannt haben, wie absurd auch jeglicher Nationalismus und Rassismus ist; Wir kommen auf die Welt und suchen uns nicht aus, wo und wie wir geboren werden. Darauf haben wir keinen Einfluss und können uns folglich auch nichts darauf einbilden, wo es geschieht. Das Gleiche gilt für das Geschlecht und andere Faktoren, die wir uns nicht aussuchen können.

Auf 42 Seiten können wir die Lösung für alle gesellschaftlich geschaffenen Diskriminierungen mitverfolgen; Es ist egal, wo wir herkommen und wie wir aussehen – wir haben gemeinsam, dass wir alle anders sind.

Blick ins Buch:

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Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: Ab 3 Jahren

Themen: Vielfalt, Individualität

Verlag: Phaidon

 

Kling, Marc-Uwe; Henn, Astrid: Prinzessin Popelkopf

popelkopfPrinzessin Popelkopf ist eine wahre Bilderbuch-Prinzessin: rosa, dumm, gemein und eingebildet. Eines Tages legt sie sich jedoch mit der Falschen an; eine Hexe verzaubert die Prinzessin, so dass sie von nun an so sein soll, wie sie heißt. Was das für Prinzessin von und zu Popelkopf bedeutet, liegt nahe. Die Verzweiflung der Prinzessin ist groß und zusammen mit ihrem Vater heckt sie einen Plan aus, der sie von ihrem hässlichen Schicksal erlösen soll: Sie heiratet ganz einfach einen Mann mit einem Namen, der sie wieder schön aussehen lässt. Ihre Wahl fällt auf Graf Grützhirn, der zwar sehr dumm, aber auch sehr gutaussehend sein soll. Der gewünschte Effekt tritt mit Schließung der Ehe in Kraft und die Prinzessin ist so hübsch wie eh und je, gleichzeitig aber ebenso dumm wie ihr Name es besagt. Die Hexe kann es nicht fassen – Die Prinzessin hätte doch auch Bauern Schlau oder Glaser Glücklich heiraten, oder noch besser, sich einen neuen Namen geben können wie Frieda Frei oder Tina Tapfer. Und die Moral von der Geschicht‘: „Der Mensch ist nichts Anderes als das, wozu er sich macht!“ (Ich weiß, das reimt sich nicht.)

Marc-Uwe Kling ist mit der Geschichte von Prinzessin Popelkopf ein wunderbar witziges und kritisches Bilderbuch gelungen – und das ganz ohne Känguru (soweit ich weiß). Die Hauptfigur dieses Märchens erfüllt das Klischee des verwöhnten Einzelkindes von Eltern, die ihrem Kind keine Regeln und keinen Respekt vor anderen Menschen beibringen; eine typische Prinzessin eben. Ihre sympathische Gegenspielerin, die kleine Hexe, erteilt der selbstverliebten Adligen eine Lektion und gibt ihr damit die Chance, sich selbst und ihr Leben grundlegend zu ändern. Doch die Prinzessin ist schon vor der Hochzeit mit Graf Grützhirn dumm genug, diese Chance nicht wahrzunehmen. Wir lernen, dass man das Leben selbst in der Hand hat und sich ändern kann, wenn man nur will. Mit dieser Moral bricht das Märchen mit dem Prinzessinnen-Klischee, da Persönlichkeiten wie Frieda Frei, Tina Tapfer und Gerda Gefährlich als erstrebenswerter vorgestellt werden als zu den Grützhirns zu gehören, auch wenn diese noch immer das Land regieren.

Astrid Henns lebhafte Illustrationen in Kombination mit Marc-Uwe Klings lustigen Reimen sorgen für viele Lacher auf 30 Seiten und einen großen Lesespaß.

Fazit: Ein sehr empfehlenswertes Bilderbuch mit Witz und Moral.

Blick ins Buch:

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Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: ab 3 Jahren

Themen: Eitelkeit, Geschlechterrollen, Selbstbestimmung, Selbstreflexion, Märchen, Oberflächlichkeit

Verlag: Voland & Quist

Vielen lieben Dank an Voland & Quist für das wunderbare Rezensionsexemplar von „Prinzessin Popelkopf“!

Boie, Kirsten; Birck, Jan: Bestimmt wird alles gut

BestimmtwirdallesgutRahaf und ihr Bruder Hassan leben mit ihren Eltern und zwei kleinen Schwestern in der syrischen Stadt Homs. Eines Tages müssen sie alles zurücklassen, was ihnen lieb ist, weil ihr Leben nicht mehr sicher ist; Es herrscht Bürgerkrieg und immer wieder kommen die Flugzeuge und Menschen sterben in den Straßen. Die Familie bekommt einen Flug nach Ägypten, von wo aus sie mit einem kleinen Schiff und rund 300 weiteren flüchtenden Menschen nach Italien aufbrechen. Ihr Gepäck samt Ausweispapieren und Bargeld wird von den Schleppern geklaut und es bleibt ihnen nur das Wenige, das sie an sich tragen. Irgendwie schaffen es die Flüchtenden, mit Zügen bis nach Deutschland zu kommen und dort in einem Erstaufnahmelager aufgenommen zu werden. Dort gefällt es Rahaf und Hassan ganz gut, weil sie mit anderen syrischen Kindern spielen können und wieder eine Dusche und Essen haben. Aber bereits nach drei Monaten müssen sie sich wieder trennen und werden mit dem Bus in einen kleinen Ort gebracht, wo sie in einem kleinen Container mit viel zu wenig Betten schlafen. Rahaf und Hassan müssen zur Schule gehen, wo sie zunächst kein Wort verstehen und sich sehr unwohl fühlen. Rahaf findet jedoch schnell eine Freundin, Emma, die ihr Wörter beibringt und sie zum Spielen einlädt. Bestimmt lässt auch das Heimweh irgendwann nach und der Vater findet wieder eine Stelle als Arzt und die Familie ein richtiges Zuhause. Bestimmt wird alles gut….

Kirsten Boie nimmt sich mit dieser wahren Geschichte eines hochaktuellen Themas an, das unsere Gesellschaft nicht erst seit gestern beschäftigt und mit Sicherheit morgen immer noch beschäftigen wird. Auf 48 Seiten bekommt der*die Leser*in einen Einblick in den Verlauf einer Flucht vor dem Krieg, wie ihn viele Menschen auf ähnliche Weise erleben. „Bestimmt wird alles gut“ vermittelt zunächst ein Gefühl der Ohnmacht angesichts der aussichtslosen Lage der Familie auf dem kleinen Schiff, ihrer wenigen Habseligkeiten beraubt, und mit einem unsicheren Ziel vor Augen. Doch letztendlich darf man Hoffnung schöpfen, zumindest für die Kinder, die in ihrer Schule Anschluss finden und die Sprache ihres neuen Zuhauses lernen, das noch kein Zuhause sein kann, solange sie in einem Container leben. In diesem Buch werden viele Hürden einer Flucht vor dem Bürgerkrieg aufgegriffen und das Ende bewusst offen gelassen, da aus der gesellschaftlichen Entwicklung heraus noch nicht abzulesen ist, wie sich die Situation für die geflüchteten Menschen aus Syrien noch ändern wird. In jedem Fall bietet die Geschichte von Rahaf und ihrer Familie Anlass zum Gespräch über die Lage in Syrien und der Geflüchteten in Deutschland und anderen Ländern. Da diese Fluchtgeschichte sich vor allem auf die Gefühle der Kinder konzentriert, ist Kirsten Boies Erzählung hervorragend geeignet für die Behandlung dieses Themas mit Kindern im Grundschulalter und sollte in jeden Unterricht eingebunden werden. Wenn Kinder sich mit solchen Geschichten beschäftigen, entwickeln sie ein Gefühl und eine Meinung dazu, was sicherlich auch den Dialog im Elternhaus und auch woanders anregt, wodurch es hoffentlich mehr Mitgefühl und Solidarität mit Menschen geben wird, die flüchten müssen oder eine Flucht hinter sich haben und einfach nur ein sicheres und selbstbestimmtes Leben führen wollen.

Jan Bircks gezielt gesetzte Illustrationen greifen die Atmosphäre der Geschichte auf und bieten auch alleine betrachtet eine gute Grundlage zum Gespräch.

Da „Bestimmt wird alles gut“ sowohl auf Deutsch, als auch auf Arabisch gelesen werden kann, eignet es sich besonders gut für Kinder, die beide Sprachen sprechen und vielleicht sogar selbst eine Flucht hinter sich haben. Bei einem solchen Hintergrund sollte aber sehr sensibel und rücksichtsvoll vorgegangen werden, da man nicht vorhersehen kann, welche (evtl. triggernde, also negative Gefühle auslösende) Wirkung eine solche Geschichte auf Betroffene hat. Im Besten Fall kann die begleitete Lektüre helfen, das Erlebte zu verarbeiten und mit anderen zu teilen.

Blick ins Buch:

Bestimmtwirdallesgut2

Sprache: Deutsch/Arabisch

Altersempfehlung: ab 6 Jahren

Themen: Freundschaft, Krieg, Flucht, Neubeginn, Fremdsein, Gefühle, Angst, Abschied, Trauer

Verlag: Klett Kinderbuch