Waddell, Martin; Oxenbury, Helen: Farmer Duck

Farmer DuckAuf einem Bauernhof lebt eine Ente mit einem faulen, alten Farmer. Der Farmer liegt den ganzen Tag im Bett und isst Schokolade, während die Ente die ganze Arbeit macht und ihn bedient. Mit der Zeit wird sie immer erschöpfter und ausgebrannter, bis die anderen Tiere, die Freund*innen der Ente, entscheiden zu handeln. Sie schleichen sich nachts in das Schlafzimmer des Farmers, schmeißen ihn aus dem Bett und verjagen ihn vom Bauernhof. Die Ente freut sich sehr und gemeinsam mit der Kuh, den Schafen und den Hühnern leitet sie ihren eigenen Bauernhof. Korrupte autoritär-kommunistische Schweine gibt es übrigens keine.

Martin Waddells 32-seitige Geschichte über die arme Ente, die sich von ihrem faulen Farmer ausnutzen lässt, regt wirklich zum Nachdenken an. Sie zeigt anschaulich, wie schädigende Beziehungen funktionieren können. Der Farmer nimmt es als selbstverständlich hin, dass die Ente den Bauernhof am Laufen hält und sieht nicht, dass sie daran zerbricht. Er nimmt sie nicht als eigenständiges Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen wahr und respektiert sie nicht. Die Aufgaben, die die Ente ohne sich zu beschweren übernimmt, bringen sie an ihre Grenzen. Sie beschwert sich nicht und fühlt sich anscheinend dazu gezwungen, zu tun, was der Farmer von ihr verlangt. Sie sieht sich nicht in der Lage, den Farmer auf seine Verantwortung für den Bauernhof aufmerksam zu machen und ihm zu verstehen zu geben, dass sie nicht die ganze Arbeit alleine machen kann. Die Ente kann aus ihrer Beziehung zum Farmer nicht ausbrechen und macht sich dadurch selbst kaputt. Ihre Freund*innen, die anderen Tiere auf dem Bauernhof, sind das unterstützende Umfeld, das die Ente nun braucht. Wir erfahren nicht, ob sie der Ente raten, etwas an ihrem Leben zu ändern und ob sie ihr für diesen Schritt Hilfe anbieten. Die Tiere entscheiden sich zu handeln und vertreiben den Farmer kurzerhand von seinem eigenen Hof. Sie haben erkannt, dass der Hof den Farmer nicht braucht, wenn ohnehin die Ente die ganze Arbeit macht und sie entscheiden sich außerdem dazu, den Hof mit der Ente gemeinsam zu führen. Es bleibt nur zu vermuten, dass sie ihr nicht schon früher ihre Unterstützung angeboten haben, weil sie erkannten, dass die ganze Beziehung zum Farmer ungesund ist und es keine Kompromisse geben kann. Sie hätten das bestehende System aufrecht erhalten, aber der einzige Ausweg führt über die Abschaffung dieses schädigenden Systems. Die Ente selbst hätte sich nicht befreit und hatte vermutlich auch nicht mehr die Kräfte oder die Hoffnung, eine Änderung der Verhältnisse in Betracht zu ziehen, geschweige denn voranzutreiben. Nach ihrer Befreiung lebt die Ente wieder auf und gewinnt die Freude an der Arbeit zurück. Dank ihrer Erfahrung kann sie die anderen Tiere anleiten und der Bauernhof läuft so gut wie nie.

Farmer Duck“ bietet die Möglichkeit, mit Kindern ins Gespräch zu kommen über sowohl schädigende als auch gleichberechtigte Beziehungen.

Helen Oxenburys Illustrationen fangen die Stimmung der Geschichte auf erstaunlich emotionale Weise ein. Die blassen, trüben Farben spiegeln das Elend der Ente wider und die von Bild zu Bild steigende Erschöpfung ist ihr deutlich anzusehen. Die verzweifelte Ente, weinend und ganz am Ende ihrer Kräfte, ist ein rührender Anblick, der auch ihre Freund*innen zum Handeln treibt. Es folgt eine befriedigende Reihe von Bildern, in denen der faule Farmer von den Tieren vertrieben wird. Und auch der Freudensprung der Ente, als sie von ihrer Befreiung erfährt, ist eine Wohltat. Die Farben werden freundlicher, als die Tiere den Bauernhof selbst gestalten. Die Darstellung des faulen Farmers kann kritisch betrachtet werden, da er als sehr dicker Mensch dargestellt ist, was dem Klischee fauler Menschen entspricht.

Blick ins Buch:

Farmer Duck2

Sprachen: Englisch + Polnisch (erhältlich in 31 Sprachvarianten); meine Übersetzung ins Deutsche findet ihr hier als pdf

Altersempfehlung: ab 2 Jahren

Themen: (schädigende) Beziehung, Freundschaft, Hilfe, Arbeitsteilung, Grenzen, Gefühle, Mehrsprachigkeit

Verlag: Mantra Lingua

Benjamin, Floella; Chamberlain, Margaret: My Two Grannies

My two Grannies

Alvina hat zwei Omas, die sie sehr liebt. Oma Vero ist in Trinidad aufgewachsen und erzählt Alvina von ihrer Kindheit, genau wie Oma Rose, die in England aufgewachsen ist. Als Alvinas Eltern entscheiden, anlässlich ihres Hochzeitstags zu zweit zu verreisen, stellt sich die Frage, welche der Omas auf Alvina aufpassen darf. Die beiden Omas streiten sich, weil beide nur zu gerne diese Aufgabe übernehmen wollen. Alvina schlägt vor, dass die beiden Omas einfach beide in Alvinas Zuhause auf sie aufpassen können. So wird es gemacht. Oma Vero und Oma Rose finden trotzdem Gründe zum Streiten, weil beide ihre Vorschläge zur Tagesgestaltung durchsetzen wollen. Alvina entscheidet sich für keine Seite und hat letztendlich eine Idee: An einem Tag machen die Drei alles so, wie Oma Vero es vorschlägt und am nächsten Tag, wie Oma Rose es vorschlägt und dann immer abwechselnd. Dank Alvinas Idee verbringen sie und ihre Omas eine tolle Woche. Die beiden Omas lernen viel voneinander und zeigen großes Interesse an den kulturellen Besonderheiten aus dem Leben der jeweils anderen. Alvina hat viel Spaß und fühlt sich großartig. Und wieso? Weil ihre Omas sie so sehr lieben.

Floella Benjamins 26-seitige Geschichte über die beiden Omas, die ihrer Enkelin all ihre Liebe schenken wollen, ist ein Glücksfund aus einem Second Hand Shop in Edinburgh. Das Bild auf dem Cover hatte ich zunächst so interpretiert, dass es sich um die Geschichte von zwei Omas handelt, die eine gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung führen. Das hätte mich sehr gefreut, weil ich so ein Buch noch nicht kenne, doch auch die echte Geschichte der zwei Omas macht große Freude beim Lesen. Alvinas Fähigkeiten zur Konfliktlösung ermöglicht es den beiden, sich besser kennenzulernen und auch anzufreunden. Dabei lernen sie viel über eine andere Kultur und haben großen Spaß dabei – so wie Lernen eben sein sollte.

Die Geschichte der zwei Omas stellt uns ein selbstbewusstes Kind vor, das sich besser als die Erwachsenen auf Konfliktbewältigung versteht und ein starkes Vorbild für andere Kinder sein kann.

Die bunten und freundlichen Illustrationen von Margaret Chamberlain spiegeln die liebevolle Grundstimmung dieses Buches sehr schön wider.

Ein Blick ins Buch:

My two Grannies2

(Die Qualität der Bilder ist mangels Scanner nicht so gut…)

Sprache: Englisch (meine deutsche Übersetzung findet ihr hier als pdf)

Altersempfehlung: Ab 3 Jahren

Themen: Familie, Kultur, Konfliktbewältigung

Verlag: Frances Lincoln Children‘s Books

Müller, Barbara; Nikolov, Ann-Kathrin: Flora und der Honigkuss

flora-und-der-honigkussDie kleine Prinzessin Flora und ihre Prinzessinnen-Freundinnen spielen immer zusammen mit den Fröschen am Schlossteich und haben viel Spaß dabei. Als sie älter werden, fangen Floras Freundinnen an die Frösche zu küssen, damit sie sich in Prinzen verwandeln. Nur Flora hat daran kein Interesse und schaut lieber den Bienen im duftenden Blumenfeld zu. Weder ihre Freundinnen, noch ihre Eltern verstehen dieses sonderbare Verhalten. Das Königspaar entscheidet, dass Flora ein paar anständige Frösche kennenlernen muss, um zu Sinnen zu kommen. Sie unternehmen eine Reise und treffen viele interessante Frösche auf der ganzen Welt, aber Flora möchte immer noch keinen von ihnen küssen. Schließlich lernt sie einen sehr freundlichen Frosch kennen, mit dem sie sich gut versteht. Er versucht sie zu küssen, aber sie macht ihm klar, dass sie daran kein Interesse hat. Daraufhin erzählt ihr der enttäuschte Frosch, dass er schon einmal auf die gleiche Weise von einer tollen Prinzessin abgelehnt wurde, seiner Freundin Prinzessin Mila. Flora möchte diese Prinzessin gerne kennenlernen und als sie sich schließlich treffen, sind sie gleich voneinander fasziniert und geben sich einen honigsüßen Kuss.

Auf 38 Seiten erzählt Barbara Müller ein ganz besonderes Märchen mit Happy End. Es handelt von Bienchen und Blümchen… und Fröschen, die sich nicht in Prinzen verwandeln, weil eine Prinzessin kein Interesse daran hat, sie zu küssen. Dafür macht sie eine andere Prinzessin sehr glücklich, und das ist doch die Hauptsache. Das müssen auch die abgelehnten Frösche akzeptieren und auf eine andere Prinzessin warten – oder einen anderen Frosch und zusammen als Frösche glücklich werden. Das Leben ist zum Glück nicht so einseitig wie in den alten Märchen und Liebe ist so vielfältig wie die Blumen im Schlosshof der verträumten Prinzessin Flora und in ihrer Vielfalt so süß wie der Kuss zweier verliebter Prinzessinnen.

Und die Moral von der Geschicht‘: Frösche küsst man… oder nicht.

Ann-Kathrin Nikolovs verspielte und farbenfrohe Illustrationen begleiten die Geschichte dieser jungen Liebe und runden das Bild einer blumigen Prinzessin und ihres ersten Kusses wunderschön ab.

Blick ins Buch:

flora-und-der-honigkuss2

Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: ab 3 Jahren

Themen: Homosexualität, Geschlechterrollen, Liebe, Märchen

Verlag: Marta Press

Abou, Tanja: Raumschiff Cosinus: Der Bordcomputer hat die Schnauze voll

raumschiff-cosinusDas kosmonautische Abenteuer beginnt auf dem Planeten Magentos, wo gerade ein grünes, drachenähnliches Wesen aus einem riesengroßen Ei schlüpft und sich selbst den Namen Nimb gibt. Am Himmel über Magentos erscheint ein Raumschiff, das zur Landung ansetzt und für viel Verwirrung sorgt. Das Raumschiff Cosinus scheint ganz von alleine gelandet zu sein, denn die Besatzung weiß von nichts. Es handelt sich um das ideenreiche Wesen Wuschel und Cpt_Cosmo – ein schokoliebendes Weltraum-Duo. Die beiden und Nimb verstehen sich auf Anhieb gut und besteigen gemeinsam das Raumschiff, um dem Rätsel ihrer Landung auf den Grund zu gehen. Es stellt sich heraus, dass Bordcomputer MICZ die Schnauze voll hat, da die letzte Wartung schon viel zu lange her ist und Cpt_Cosmo nie ein freundliches Wort für MICZ übrig hat, immer nur Befehle. Darum ist MICZ in den Streik getreten und hat das Raumschiff auf eigene Faust gelandet. Cpt_Cosmo schämt sich sehr und gemeinsam überlegen sie, wie sie den Konflikt lösen können. Nimb wird eingeladen, Teil der Raumschiff-Familie zu werden und nimmt dieses Angebot dankbar an. Das nächste Ziel der Raumschiff-Crew: Der Planet Robort, wo MICZ endlich die längst überfällige Wartung bekommt.

Dieses einzigartige 44-seitige Bilderbuch aus einer kosmonautischen Feder beweist, dass es möglich ist, Geschichten für Kinder ganz ohne geschlechtsspezifische Pronomen und stereotype Charaktere zu erschaffen. Keins der Wesen erfüllt eine Geschlechterrolle, wie sie diese Gesellschaft zu kennen glaubt. Und das braucht sie auch gar nicht. Die Geschichte kommt sehr gut ohne aus. Nimb, Wuschel, Cpt_Cosmo und MICZ sind sympathische Figuren, die ihre Konflikte respektvoll und mit gegenseitiger Rücksichtnahme zu lösen versuchen und dabei offen sind für neue Freundschaften und Familien.

Allen Kindern steht es offen sich mit diesen Charakteren zu identifizieren, da es keine Vorgabe gibt, mit wem sie sich angeblich identifizieren können sollten. Der dargestellte Konflikt ist ebenfalls ein geeignetes Thema für Kinder, da es in jeder Freundschaft irgendwann einmal Konflikte gibt und sie nur zusammen gelöst werden können – wie im Raumschiff Cosinus.

Die Illustrationen sind freundlich und bunt und dabei in einem schlichten Stil gehalten. Ich persönlich musste mich zunächst an diesen Stil gewöhnen, da mein Geschmack sehr in Richtung detailreiche Bilder mit deckenden Farben geht. In die Geschichte hab ich mich dann aber schnell verliebt und die Illustrationen passen einfach gut dazu, alles wirkt so sympathisch und leicht.

Ein wirklich einmaliges Buch von einem tollen und unterstützenswerten Verlag!

Blick ins Buch:

raumschiff-cosinus2

Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: ab 3 Jahren

Themen: Freundschaft, Familie, Rücksichtnahme, Konfliktbewältigung, Geschlechterrollen, Raumfahrt

Verlag: NoNo-Verlag

Nagara, Innosanto: A is for Activist

AisforactivistEs gibt sicher keinen einprägsameren Weg, das Alphabet zu lernen, als über Alliterationen und Reime, zusammen mit außergewöhnlichen Illustrationen und Themen. Hier nur ein paar Beispiele: „A is for Activist. Advocate. Abolitionist. Ally. Actively Answering A call to Action. Are you An Activist?“ oder „F is for Feminist. For Fairness in our pay. For Freedom to Flourish and choose our own way.“ und „Indigenous and Immigrant. Together we stand tall. Our histories are relevant. An Injury to one Is an Injury to all.“ oder „Wondrous World. Wondrous We. We cannot be free. Unless we delight in di-ver-si-ty!“ und „Z is for Zapatista of course.“

Innosanto Nagara hat ein ganz besonderes Bilderbuch erschaffen, das auf 29 Seiten mit wortstarken Versen sowohl politische Inhalte und Haltungen, als auch die Buchstaben des Alphabets vermittelt. Den Sinn der wohlklingenden Verse zu verstehen, ist als junger Mensch sicher nicht einfach. Dennoch kann dieses kleine Buch dazu beitragen, dass Kinder eine Verbindung zu diesen Inhalten aufbauen und ein Gefühl dazu entwickeln. Mit älteren Kinder kann man bestimmt gut ins Gespräch kommen über die Dinge, die alphabetisch angesprochen werden und auf so eindrucksvolle Weise dargestellt sind. Selbst wenn die schwierigen Worte ein Kind nicht ansprechen, so ist doch alleine schon die bildliche Darstellung es wert, dass man dieses Buch mit Kindern teilt. „A is for Activist“ stellt die Vielfalt der Welt annähernd dar, oder zumindest deren Wert.

Blick ins Buch:

Aisforactivist2

Sprache: Englisch (auch in Spanisch und Schwedisch erhältlich)

Altersempfehlung: ab 2 Jahren

Themen: Alphabet, Politik, Aktivismus, Menschenrechte…

Verlag: Seven Stories Press

Special: (Video) Innosanto Nagara liest „A is for Activist“ seinem Kind vor

Ojeda, Ana Paula; Palomino, Juan: Der Feuerdieb – Ladrón del fuego

FeuerdiebDie Geschichte des Feuerdiebs beginnt, als alles andere auch begann. Die Dinge hatten noch keine Formen und alles war finster. Der alte weise Tlacuache, in der Gestalt eines Opossums, gibt Antwort auf die Fragen derer, die einmal Tiere oder Menschen sein würden. Hoch in den Bergen sucht er für sie nach dem Feuer, das er der Herrin des Lichts abluchsen muss. Sie hütet das Licht und den Mais und von beidem stiehlt der Tlacuache etwas und schenkt es der Welt. So schafft er die Zeit und macht durch die Gabe des Feuers die Menschen zu Menschen. „Zuerst musste die Ordnung zerstört und das Trennende überwunden werden.“

Die 26-seitige Geschichte des Feuerdiebes Tlacuache ist ein alter Mythos aus Mexiko. Sie beschreibt auf wundersame Weise die Entstehung der Welt und des Lebens und welche Grenzen dazu überwunden werden mussten.

Die farbenprächtigen Bilder führen den*die Leser*in in eine alte Welt hinein und erzählen eine ganz eigene Geschichte, in der es viel zu staunen gibt. Alleine hierfür lohnt sich dieses schöne Bilderbuch sehr.

Auch die Erzählung in zwei Sprachen, darunter die Originalsprache des Mythos‘, machen das Buch zu einer unausgesprochenen Einladung in eine Welt mit vielen Facetten.

Blick ins Buch:

Feuerdieb4

Sprache: Deutsch/Spanisch

Altersempfehlung: Ab 3 Jahren

Themen: Märchen, Mehrsprachigkeit

Verlag: Baobab Books

Toledo, Eymard: Onkel Flores. Eine ziemlich wahre Geschichte aus Brasilien

OnkelFloresEdinhos Onkel Flores ist Schneider von Beruf und näht mit seinem Neffen zusammen für alle Bewohner*innen des kleinen brasilianischen Dorfes Pinbauê die schönsten Kleider. Edinho möchte auch einmal Schneider werden. Sein Onkel erzählt ihm von Früher, als die Frauen die Wäsche noch im Fluss wuschen, während die Männer darin Fische fingen. Doch dann kam die Fabrik und das Dorf wurde zu einer Stadt. Der Fluss wurde trüb und Onkel Edinho nähte nur noch graue Arbeitskleidung für die Arbeiter*innen der Fabrik – bis diese ihre Arbeitskleidung von billigeren Näher*innen aus dem Ausland bestellte. Onkel Flores war arbeitslos, bis Edinho die fabelhafte Idee kam, doch aus den alten Stoffresten bunte Vorhänge zu nähen und sie in der Stadt zu verkaufen. Von da an kauften alle ihre Vorhänge bei Onkel Edinho und wirkten durch die Farben und die guten Gespräche wieder viel fröhlicher.

Eymard Toledos „ziemlich wahre Geschichte aus Brasilien“ liest sich auch genau so. Sie beschreibt auf 27 Seiten das realistische Schicksal eines ganzen Dorfes, das durch den Einzug einer modernen kapitalistischen Fabrik komplett auf den Kopf gestellt und bestimmt wird. Die Menschen können nicht mehr ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen und alle wirken betrübt, so wie der ehemals belebte Fluss, in dem man nicht mal mehr Fischen kann. Ihr Leben wird so grau wie die Arbeitskleidung, die Onkel Flores für sie nähen muss. Zum Glück kommt ein Kind auf die bewegende Idee, doch wieder Farbe in das Leben des ehemaligen Dorfes zu bringen. Edinho verschafft dadurch nicht nur seinem Onkel Arbeit und eine Aufgabe, sondern er bereichert auch das Leben aller anderen Menschen, die zu seinem Onkel kommen, indem er der durch den Kapitalismus verursachten Vereinsamung entgegenwirkt.

Die Geschichte von Onkel Flores besticht besonders durch ihre bildliche Darstellung. Die Illustrationen sind komplett aus Einzelteilen unterschiedlichen Materials zu einer Collage zusammengebastelt, was den Bildern eine besonders realistische Wirkung gibt. Sie bringen Leser*innen zum Staunen und machen das Buch dadurch besonders wertvoll.

Blick ins Buch:

OnkelFlores4

Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: ab 3 Jahren

Themen: Armut, Arbeitslosigkeit, Modernisierung, Familie, Selbstverwirklichung, Kapitalismus, Freiraum

Verlag: Baobab Books

Schmitz-Weicht, Cai; Schmitz, Ka: Traum-Berufe

Traum-BerufeLisa muss als Hausaufgabe einen Aufsatz darüber schreiben, was sie später für einen Beruf haben will, aber ihr will überhaupt nichts einfallen. Ihr kleiner Bruder Philip und seine Freundin Adila helfen Lisa mit ihren Ideen.    Sie könnte zum Beispiel Sängerin werden, Philip ein Background-Tänzer und Adila Lichttechnikerin. Oder doch lieber Architektin? In Lisas Häusern gäbe es nur Treppenhäuser zum Rollen und Adila wäre Kranfahrerin. Philip möchte am Liebsten Käferforscher sein und Lisa schreibt nebenher noch Kinderbücher. Am Ende hat sie jedenfalls genügend Ideen für ihren Aufsatz und Philip und Adila viel Spaß beim Berufe spielen.

Traum-Berufe“ zeigt auf 22 Seiten, dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, wenn Kinder über ihre berufliche Zukunft nachdenken. Die Geschichte von Lisa, Philip und Adila erzählt auf zwei Sprachen, dass Kinder von Allem träumen dürfen – unabhängig von ihren körperlichen Voraussetzungen, Geschlecht oder Hautfarbe.

Die Illustrationen stellen diese Vielfalt bildlich dar und bieten damit Kindern viele Möglichkeiten zur Identifikation.

Blick ins Buch:

Traum-Berufe5

Sprache: Deutsch-Portugiesisch/Italienisch, Polnisch, Russisch, Türkisch

Altersempfehlung: ab 3 Jahren

Themen: Berufe, Fantasie, Mehrsprachigkeit, Behinderungen

Verlag: Viel&Mehr

De Haan, Linda; Nijland, Stern: König und König

Cover_Mini.inddDie alte Königin entschließt sich, noch diesen Sommer in Pension zu gehen. Doch dazu muss ihr Sohn, der Prinz, endlich heiraten. Der Prinz ist von den Plänen seiner Mutter nicht begeistert und hat sowieso noch nie eine nette Prinzessin kennengelernt. Die Königin überredet ihn dennoch dazu und lädt alle Prinzessinnen aus allen Ländern der Welt ein, damit der Prinz sich für eine entscheidet. Eine nach der anderen stellt sich dem Prinzen vor, doch es funkt nur zwischen dem Kammerdiener und der lustigen grünen Prinzessin aus Grönland. Als aber Prinzessin Liebegunde und ihr Bruder Prinz Herrlich eintreten, ist es Liebe auf den ersten Blick. So feiert das ganze Königreich die Vermählung der beiden Prinzen, die von nun an als Könige regieren, und die Königin ist auch endlich zufrieden.

Auf 28 Seiten erzählen bunte und teilweise skurrile Bilder das moderne Märchen über zwei Prinzen und die große Liebe. Das klassische Paar Prinz und Prinzessin wird abgelöst von zwei jungen Männern, die sich unerwartet ineinander verlieben und die alte Königin um ihr Amt erleichtern.

Ein wunderbares Buch, um neben den bekannten Geschichten über Prinzen und Prinzessinnen, Königinnen und Königen eine Realität aufzuzeigen, die die Märchennorm nicht kennt.

Blick ins Buch:

König und König

Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: Ab 3 Jahren

Themen: Liebe, Homosexualität, Märchen

Verlag: Gerstenberg

Büchner, SaBine; Munsch, Robert: Die Prinzessin in der Tüte

DiePrinzessininderTüte0Lissy ist eine Prinzessin und hat viele teure Sachen, genau wie ihr zukünftiger Mann Prinz Ronald. Bis eines Tages ein Drache alles niederbrennt und Prinz Ronald entführt. Alles, was Lissy bleibt, ist eine Papiertüte. Sie zieht die Tüte an und macht sich auf der Suche nach dem Drachen und ihrem Prinzen. Schließlich findet sie das Zuhause des Drachen und bringt ihn durch eine List dazu, herauszukommen und sich komplett zu verausgaben. So kann Lissy hineingehen und Prinz Ronald befreien. Als dieser seine Zukünftige in eine alte Papiertüte gekleidet sieht, weist er sie ab, bis sie wieder wie eine Prinzessin aussähe. Aber Lissy wird nicht nur mit einem Drachen, sondern auch mit einem arroganten Prinzen fertig; Sie macht ihm deutlich, was sie von seinem Verhalten hält und geht ihrer Wege.

Die verwöhnte Prinzessin Lilly entpuppt sich gleich zu Beginn der Geschichte als listige Überlebenskünstlerin, die sich von einem Drachen nicht einschüchtern lässt. Sie zieht angesichts des undankbaren und beleidigenden Verhaltens des Prinzen, den sie einmal heiraten sollte, die einzig vernünftige Konsequenz und lebt ihr Leben ohne ihn. Wer braucht schon einen Prinzen, der eine starke und mutige Prinzessin nicht zu schätzen weiß?

Die Geschichte der Prinzessin in der Tüte von Robert Munsch ist nicht neu, aber immer noch aktuell, und wurde von SaBine Büchner auf 28 Seiten zeitgemäß neu illustriert.

Blick ins Buch:

DiePrinzessininderTüte

Sprache: Deutsch

Altersempfehlung: Ab 3 Jahren

Themen: Mut, Geschlechterrollen, Märchen

Verlag: Ravensburger

Vielen Dank an Ravensburger für das Rezensionsexemplar!